AuCantus V8F im Test der image hifi 1/15 Autor: Alexander Draczynski, Fotografie: Rolf Winter

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Die goldene Drachenstimme von Penglai

Manche Markenprodukte verschleiern aus Imagegründen ihr chinesisches Innenleben und ihre Produktionsherkunft. Nicht so die AuCantus V8F aus Penglai City. Sie trägt geradezu selbstbewusst die Wurzeln ihrer Herkunft
zur Schau. Eine Augenweide in Hochglanzlack. Auch eine Ohrenweide?

Lebenssymbole und Rituale sind aus dem Alltag im Reich der Mitte kaum wegzudenken. Sie überdauerten kaiserliche Dynastien, Republik, japanische Besetzung und Kulturrevolution unter Mao. Der Drache scheint unsterblich gegenwärtig zu sein. In der christlichen Mythologie verkörpert er das Böse, Teuflische. Heute wird er nur noch für Kinobesucher und Gamer virtuell zum Leben erweckt. In China gilt er als glücksbringendes Symbol für Weisheit, Friedfertigkeit, aber auch kaiserliche Macht. Michael Ende hat den Glücksdrachen in seiner Unendlichen Geschichte ein poetisches Denkmal gesetzt: „Das wunderbarste an ihnen ist ihr Gesang. Ihre Stimme klingt wie das Dröhnen einer großen Glocke und wenn sie
leise sprechen, so ist es, als ob man diesen Glockenklang von ferne hört.“

Womit wir in medias res, beim Thema, sind: der AuCantus V8F. Eigentlich heißt sie Aurum Cantus; lat. für Gold und Gesang, bzw. Melodie. Aus markenrechtlichen Gründen bleibt ihr in Deutschland nur die Abbreviatur ihres Namens, was ihrem feinen Auftritt aber keinen Abbruch tut: geschmeidige Oberflächen, nach hinten schmal zulaufende Seitenflanken, die der Vermeidung stehender Wellen dienen, gerundete Kantenübergänge. Ein solider Sockel verleiht Standfestigkeit, die Chassis sind sauber eingepasst, die Bi-Wiring-Anschlüsse vergoldet, das massive Bassreflexrohr verschraubt. Mit ihrer schicken Schale scheint die V8F an alte Traditionen chinesischer Lackkunst anknüpfen zu wollen, die einst ein
hohes Maß an Wissen und handwerklicher Fertigkeit erforderte, um aus dem Sekret des Lackbaums bis zu zweihundert Schichten auf ein Trägermaterial aufzubringen. Im modernen Zeitalter undenkbar für ein Serienprodukt. Dennoch ist der handwerkliche Aufwand beträchtlich. Mehrere Schichten Klarlack umhüllen ihr recht dunkles Rosewood-Furnier, verleihen der AuCantus ihren Glanz und ihre exklusive Note. Penible Verarbeitung und Noblesse, wohin das Auge blickt: Rosewood- Gehäuse und schwarze Schallwand sind optisch voneinander abgesetzt, gehen aber haptisch nahtlos ineinander über. Da erscheint es ein wenig inkonsequent, der Schallwandabdeckung nicht auch noch eine unsichtbare Befestigungslösung durch eingelassene Magnete spendiert zu haben.

Wer nun mutmaßt, die Menschen im Reich der Mitte hätten einen leichten, zierlichen Körperbau, fühlt sich rasch eines Besseren belehrt: Die elegante Klangmöbelskulptur kann es einem verflixt schwer machen! Sie mit spitzen Spikes exakt auf die Vertiefung der Unterlegscheiben zu positionieren, ohne dabei den Boden zu perforieren, ist im Alleingang nur äußerst schwer zu schaffen. Nach Ablösen der Schutzfolie wird dann der Blick frei auf ein stattliches Exemplar eines Bändchenhochtöners, der aus akustischen Gründen nah unterhalb des Mitteltonchassis positioniert wurde. Wie auch das große Basschassis besitzt es eine ungewöhnlich harte und steife Karbonfaser-Sandwichmembran.

Unterhalb der Trennfrequenz von 2100 Hz obliegt die Schallwandlung
einem 16,5 cm Mitteltonchassis. Mit gebührendem Abstand zum Boden kümmert sich ein 20 cm Basschassis um die Wandlung der ganz tiefen Lagen im Bereich zwischen 35 Hz bis 150 Hz. Angetrieben von einem kräftigen Ferritmagnet, vermag die masseleichte, kupferbeschichtete Aluminium-Flachbandschwingspule Impulsen blitzschnell zu folgen. Laut Datenblatt erfolgt die Trennung der Chassis mit 12 dB Flankensteilheit; beim Bändchen mit 18 dB. Die Frequenzweiche wurde auf zwei Platinen aufgeteilt und hochwertig bestückt: MCap Supreme MKP-Kondensatoren, MKP-Kondensatoren von Aurum Cantus, Spulen, Metalloxid-Widerstände, teflonbeschichtete, sauerstoffarme OFC-Kupferkabel.

Mitspieler Analoglaufwerk: Consequence Audio Charade
Tonarm: Jelco 750 D
Tonabnehmer: Ortofon Valencia
CD-Player: Lector CDP 0.6 Tube
Vorverstärker: Radford SC 26
Phonovorverstärker: Acurus P 10
Verstärker: Micromega, Lector ZAX 60, Unison Simply Two LAE
Lautsprecher: Klipsch Cornwall III, Dynaudio 1.3 Contour
Kabel: Straight Wire, Atlas, Audiosuite Animato
Zubehör: Phonorack und Füße von Sound Mechanics, Akustik-Tuning von Fast Audio, Netzleisten von Audiocom und Ensemble, bFly-Absorber

Genug der oberflächlichen Detailbetrachtungen. Zeit, das schmucke Duo endlich zum Singen und Klingen zu bringen. Aber wo bleibt ihr goldener Gesang? Die ersten musikalischen Noten kleben an den Chassis wie Reisklümpchen in der Schale. Nun, dem kann abgeholfen werden. Ich schicke die AuCantus ganz einfach auf einen Retrotrip ins Zeitalter der Kellerfeten. Volume auf und der endlose Disco-Ohrwurm „Don‘t let me be missunderstood“ von Santa Esmeralda legt einen Abtanzmarathon hin.

Nach diverser, kalorienreicher Einbrennkost bin ich doch schneller übersättigt als die AuCantus selbst. Sie bleibt bei hoher Lautstärke stabil und exemplarisch sauber, artikuliert sich jedoch nicht so „rasant“ wie manche Kolleginnen, und in den Höhen auch nicht so strahlend, wie man es vielleicht von einem Bändchen erwarten mag.

Aber langsam erwacht der goldene Drache zum Leben. Das Klangbild der AuCantus wirkt nun merklich geschmeidiger, entschlackter, homogener; die oberen Mittel- und Hochtonlagen befreiter. Nur der Bass drängt sich noch etwas poltrig und kantig in den Vordergrund, unabhängig von Aufstellung und Wandabstand. Aber dieser Eindruck verliert sich in den folgenden Tagen zusehends. Was gewiss nicht allein am Gewöhnungseffekt liegt, denn nach jedem Neustart geht sie spontan gereifter, involvierender ans Werk.

CD-Aufnahmen weiß sie auf so natürliche und verträgliche Weise ins akustische Bild zu setzen, dass selbst eingefleischte Vinylhörer einen digitalen Seitensprung mit ihr wagen dürfen. Unverhofft kommt nicht so oft. Nicht, dass die AuCantus besonders garstige Silberlinge vollends zu besänftigen vermag – jene kalten Krieger aus dem Loudness-War, die allzu sattsam von sich hören machen. Aber sie besitzt die Gabe, entspannt und zugleich spannungsreich feine Nuancen aus dem unbestechlichen Binärcode herauszuschälen, die über andere „analytische“ Schallwandler in einem metallischen Brei unterzugehen drohen. Akustische Transienten treten bei ihr nicht mit ungebührlicher Schärfe hervor und gaukeln eine subjektiv empfundene Präzision vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Ihre Stärke liegt in der authentischen Harmonie. Ein Yin und Yang aus Langzeitverträglichkeit und Transparenz. Jedoch gilt auch für sie der Leitspruch von Ivor Tiefenbrun: „Garbage in, garbage out.“ Flach und steril klingenden Tonträgern kann die AuCantus auch nicht mehr Fleisch entnehmen, als dran gepackt wurde.

Sie fährt keine scharfen Drachenkrallen aus, drückt der Wiedergabe keine alles überstrahlende Klangsignatur auf. Nach längerem Hören aber werden die Vorzüge ihrer Abstimmung offensichtlich – es gibt einfach keine akustisch verifizierbare Brüchigkeit zu den Mittellagen! Woran nicht zuletzt der in der V8F eingesetzte, manuell gefertigte Bändchenhochtöner mit dem Modellkürzel G1 seinen Anteil hat. Überhaupt scheint das 1994 gegründete Unternehmen eine ausgesprochene Vorliebe für dieses Wandlungsprinzip zu haben, das derzeit zwanzig Modelle für alle Evenualitäten listet. Für die V8F fiel den Entwicklern die Qual der Wahl nicht schwer. Das Aurum Cantus G1 Bändchen dürfte zweifellos zu den besten Vertretern seiner Art zählen, es besitzt eine besonders große Abstrahlfläche.

Aurum Cantus G1 Bändchenrückseite mit Übertrager. Mittelton und Basschassis mit Alukorb, Karbonmembran, Zentrierspinne und ringförmigem Ferritmagnetantrieb

Sein Arbeitsprinzip: Ein vertikal aufgehängter Streifen Alufolie, das Bändchen, befindet sich in einem Magnetfeld und fungiert zugleich als Membran und stromdurchflossener Leiter. Ultraleichte 51 mg bewegte Masse ermöglichen eine blitzschnelle Reaktion auf Signalimpulse. Zudem lässt es sich gut kontrollieren und überträgt äußerst verzerrungsarm hinauf bis zu 40 kHz. Sollte mal der eine oder andere Strick reißen, lässt sich der fünfzehn Zentimeter lange Alustreifen problemlos und leicht ersetzen. Da Bändchenhochtöner prinzipiell einen sehr niedrigen Lastwiderstand aufweisen, ist ein Übertrager zur Impedanzanpassung erforderlich, der sich auf der Rückseite des Chassis befindet. Insgesamt kommt die AuCantus V8F auf einen verstärkerfreundlichen Nennwiderstand von 8 Ohm, mit einem Minimum von 6,4 Ohm. Bauartbedingt kostet der relativ große Luftspalt zwischen Bändchen und Magnetpolen etwas Wirkungsgrad, aber mit nominell 102 dB 1 W/1 m gehört das G1 zu den effizientesten Vertretern seiner Gattung. Insgesamt kommt die AuCantus auf 88 dB, was im Verbund mit ihrem gutmütigen Lastverhalten keinen handelsüblichen Vollverstärker vor ernsthafte Probleme stellen sollte. Uwe Heile vom AuCantus Vertrieb HiFi Studio Falkensee bei Berlin versicherte mir, dass auch das Zusammenspiel mit einigen Röhrenverstärkern vorzüglich klappen soll. Sogar mit meinem Unison Research Simply Two LAE Single Ended – 2 x 8 Watt, geringem Dämpfungsfaktor? Mit Einschränkung – unbedingt! Denn ihr Mittel-Hochtonbereich profitiert vom kleinen Single-Ended ungemein. Es ist immer wieder verblüffend, wie unerwartet kraftvoll und transparent dieser Röhrenzwerg zu Werke geht. Im Gegenzug darf allerdings nicht verwundern, dass es dem Bass vernehmlich an Kontur und Schwärze fehlt. Der substanzielle Unterschied tritt über die basskräftige Modern Jazz Aufnahme None but the lonely heart von Charlie Haden und Chris Anderson (LP, Image Hifi) besonders deutlich hervor. Dennoch klingt die AuCantus am Simply weder dünn noch strähnig, sondern wunderbar „filterlos“ organisch. Erst am Ende seiner – für diesen Lautsprecher viel zu bescheidenen – Leistungsfähigkeit verliert der eintaktende Italiener etwas die Kontrolle über die unteren Lagen. Für beschauliche Stunden am Abend ist er der feinsinnigere, finessenreichere Verstärker.

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Ein schlanker Rücken kann entzücken, dient aber auch der Vermeidung stehender Wellen. Bi-Wiring Anschlussterminal mit vergoldeten Schraubklemmen, verschraubtes Bassreflexrohr, Sockel auf Spikes und Unterlegscheiben.

Wer also die schmucken Chinesinnen partout nicht mit einem Halbleiterboliden verbandeln und dennoch genügend Leistungsreserven
parat stellen möchte, sollte sein Augenmerk auf einen kräftigeren Push-Pull Glaskolbenaltar lenken. Geht es indes vordringlich darum, die kohlefasergestärkten Mittel- und Tieftonmembranen so richtig in Wallung zu bringen und kontrolliert an die Leine zu legen, ist ordentliche Transistorpower die passendere Option. Zumal die AuCantus die Klangsignatur der jeweiligen Elektronik besonders feinfühlig in Szene setzt und – unter Positivisten höchst umstritten – auf unterschiedliche Kabel reagiert. Unerwartet deutlich, wie ich mit dem Tausch auf die noch eingetroffenen Animato NF-Kabel von Audiosuite mit nicht geringem Erstaunen zur Kenntnis nehme. Wiederum legt die AuCantus an Transparenz zu. Oder schüttelt sie womöglich nur hemmende Signalbarrieren ab? Die Animato-Cinchverbinder verleiten die eleganten Chinesinnen dazu, sich bis auf die nackte Haut zu outen. Für audiophile Liebhaber gibt es danach kein Zurück mehr.

Optimale Aufstellung vorausgesetzt, glänzt die AuCantus nun mit einer überaus detailgenauen Skizzierung der räumlichen Bühne. Nicht in streng sezierender, sondern involvierender Artikulation aller subtilen Facetten, die stets in den Dienst einer bruchlosen, ganzheitlichen Wiedergabe gestellt sind. Stimmen, Klavieranschläge oder Saiteninstrumente bewahren ihr natürliches Timbre und Volumen, drängen sich aber kaum durch übergebührliche Präsenz in den Vordergrund.

Bill Wither‘s Sampler The Very Best of Lovely Day (CD, CBS) rotiert im Laufwerk meines CD-Players. Erinnerungen an die Live-Atmosphäre des legendären Albums Bill Withers Live at Carnegie Hall und anderen Vinylaufnahmen werden wach. Sie begleiteten mich im pränatalen Digitalzeitalter und gingen irgendwann verschollen. Die AuCantus mutiert zum Storyteller, vermittelt Stimmlage und Stimmungsschwankungen des Künstlers auf behutsame und markante Weise. So habe ich diese Aufnahme bisher nicht erlebt.

Ein anderes verschollenes Kleinod liegt auf dem Teller meines Consequence Audio Charade. Als 180g-Neupressung. Eine der feinsten Scheiben aus der Krautrockära der frühen 70er: das Debütalbum Together der Hannoveraner Gruppe Jane (LP, Brain Metronome/Universal Music). Bereits das Eingangsstück „Daytime“ kann regelrecht entzücken und entrücken, hemmungslos melancholisch machen oder depressiv stimmen. Liegt es an der charismatischen Stimme von Bernd Pulst, der unter mysteriösen Umständen früh verstarb? Oder an der gesetzteren, audiophileren Möglichkeit, sich im Wissen darüber den Feinheiten der künstlerischen Interpretation auf neue, aufschlussreichere Weise zu nähern? Es muss nicht mehr ganz so laut zugehen, denn die AuCantus vermittelt alles, was die eigentliche Essenz dieses Albums ausmacht.

Dafür reicht ein Gläschen schottisches Gerstenmalzdestillat und die akustisch charmante Gesellschaft der AuCantus V8F. Sie verführt mich dazu, in melancholische Erinnerungen einzutauchen. Auf dem Rücken des Glücksdrachens zu einer Reise in vertraute Klangwelten aufzubrechen.

Lautsprecher AuCantus V8F
Funktionsprinzip: Zweiwege-Bassreflex Standlautsprecher
Bestückung: G1-Bändchenhochtonchassis, Karbonsandwich-Mitteltonchassis 16,5 cm, Basschassis 20 cm
Wirkungsgrad: 88 dB/2,83 V/m Impedanz: 8 Ohm, min. 6,4 Ohm
Frequenzgang: 35 Hz – 40 kHz
Leistungsbedarf: 50–250 Watt (empfohlen)
Ausführungen: Rosenholz, Ahorn, Kirsche
Maße (B/H/T): 35,2/110/46,2 cm
Gewicht: à 53 kg
Garantie: 60 Monate
Paarpreis: 7995 Euro (inkl. 19% MwSt.)

 

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