Ein Test aus der EAR IN 3/2017

Amerikanisch abgedreht

Die Headline verlangt eine Klarstellung: Ich meine das nicht politisch, sondern auf den Kopfhörer Abyss AB 1266 Phi bezogen. Der ist nämlich ein positives Beispiel dafür, dass es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eben unbegrenzte Möglichkeiten gibt, die auch zu solch leicht abgedrehten Produkten führen können.

Das hat Charme. So einfach mal in die Vollen, ohne Rücksicht auf Kleinigkeiten wie Kostenkalkulation (Erbsenzählerei), Ästhetik (Blödsinn, HiFi ist ein Männerhobby) oder einfach alles, was nicht dem ultimativen Klang oder solider Unzerstörbarkeit dient (if it brakes, make it bigger). Ergonomie oder Passform? Da kann man vielleicht geringfügige Zugeständnisse machen –

müssen wir noch darüber reden. Schließlich hat ja sogar Harley die Sache mit dem Starrrahmen irgendwann aufgeben und Federelemente an Motorrädern verbaut. Bis dahin hat es aber auch ein Fahrradsattel getan. Nun kommt der Abyss AB 1266 Phi nicht aus Milwaukee, Wisconsin, sondern aus Lancaster, New York, und zwar aus der Schmiede von JPS Labs. Schwerpunktmäßig hat sich die Firma auf HiFi-Kabel spezialisiert und vor einigen Jahren mit Abyss eine Marke für kompromisslose, magnetostatische Kopfhörer etabiliert. Und ja, den Vorgänger, den Abyss AB 1266, habe ich schon vor drei Jahren an dieser Stelle einmal vorgestellt.

Zur diesjährigen High End hat Abyss aber die neue, überarbeitete ”Phi” Version mitgebracht, und der rührige Deutschland-Vertrieb in Form von Uwe Heile hat mir den neuen Wurd von Joe Subinski, Chef und Mastermin von JPS Labs, für einen Test zur Verfügung gestellt.

Ausstattung

Prinzipiell handelt es sich beim Abyss AB 1266 Phi um einen offen gebauten, magnetostatischen Kopfhörer. Aber um was für einen. Die Treiber werden einzeln von Hand bei JPC beziehungsweise Abyss gebaut. Im Vergleich zum Vorgängermodell haben die Amerikaner vor allem am Magnetsystem gearbeitet – das große Phi ist unter anderem die physikalische Bezeichnung für den magnetischen Fluss. Okay, das Tüfteln an den Magnetstrukturen der magnetostatischen Treiber gehört offensichtlich zu den Lieblingsbeschäftigungen von Entwicklern magnetostatischer Kopfhörer. Darüber hat mir schon Sankar Thiagasamudram, Mitbegründer und Chefentwickler von Audeze, einen stundenlangen Vortrag gehalten.

Klar, dass Kabelspezialist JPS den Kabeln noch Aufrüst-Optionen biete. Das bessere, flexiblere 2,5-m-Kabel JPS Labs Superconductor HP Dual balanced kostet schlanke 2.500 Euro extra

So auskunftsfreudig wie bei Audeze gibt man sich bei Abyss leider nicht. Am ”Chassis” hat sich offensichtlich wenig getan. Der schwarz anodisierte Aluminiu-Bügel, an den die Treiber starr befestigt sind, scheint mir unverändert. Und auch das elastisch aufgehängte Kopfband aus Leder, das die Konstruktion auf dem Kopf und über den Ohren schweben lässt, scheint mit keine Veränderung erfahren zu haben. Die magnetisch haftenden Ohrpolster aus Lammleder, die weiterhin kaum Kontakt zu Ohren oder zum Kopf aufnehmen, gab es auch schon beim Vorgänger. Kleine Veränderungen gab es bei den elektrischen Parametern, die neue Version hat mit 42 Ohm eine etwas geringere Impedanz und mit 88 dB einen etwas höheren Wirkungsgrad als der Vorgänger. Auch die aktuelle Version will über ein eigenes Kabel pro Kanal symmetrisch angesteuert werden. Für das neue Modell bietet JPS Labs auch ein gegenüber dem Serienkabel aufgewertetes Austauschkabel an.

Passform

Passform? Kann man so eigentlich nicht sagen. Der AB 1266 Phi passt nicht, soll nicht passen, muss auch garnicht passen. Zumindest nicht im üblichen Sinn. Wenn das Gerät auf dem Kopfband über den Ohren schwebt, reicht das völlig. So hält der Abyss sogar erstaunlich sicher. Gut, Headbangen sollte man damit nicht, aber es ist kein Problem, den Kopf zu neigen um an der Kaffeetasse zu schlürfen oder auch mal nach dem auf dem Couchtisch vor einem liegenden Plattencover zu greifen. Dabei bleibt der Kopfhörer, wo er hingehört. Der große Vorteil eines so entspannten Sitzes, bei dem die Ohrpolster kaum den Kopf berühren, ist, dass Brillenträger kein Problem mit dem Abyss haben.

Klang

Der Abyss 1266 Phi

Mittlerweile ist auch bei einem Kopfhörer ein Preisschild von 5.000 Euro kein Alleineinstellungsmerkmal mehr – da hatte ich inzwischen auch andere in der Redaktion. Und von Geräten wie einem Sennheiser HE1 (neuer Orpheus) für mittlerweile 60.000 Euro oder einem HiFiMan Shangri-La, der hier um die 70.000 Euro kosten würde, wollen wir mal gar nicht reden. Innerhalb seines preislichen Umfeldes ist der AB 1266 Phi sein Geld wer, das muss ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen. Was dieser Kopfhörer an Transparenz, Auflösung und Details bietet, ist atemberaubend. Dass er das Ganze immer in einem musikalischen Zusammenhang belässt, macht Ihn perfekt. Ich kenne kaum einen Kopfhörer, der ein großes Symphonieorchester so überzeugend abbilden oder einen großen Konzertflügel in seinem gesamten Facettenreichtum und seiner Komplesität so darstellen kann wie der AB 1266 Phi. Und wenn Zaz in ”Je veux” eindringlich singt, ”vergiss Dein Geld”, möchte ich Ihr leidenschaftlich beipflichten. Allerdings – ohne Geld kann man sich einen AB 1266 Phi niemals leisten.

120,000 Euro Headphone System at Munich High End 2017 Halle 3, N06

Along with the world debut of our sexy Diana® headphone dressed in various outfits,
Abyss Headphones will have a very special high-performance headphone system
sporting a retail price in excess of 120,000 €, the finest in headphone systems.
Visitors can sit and enjoy high resolution studio master quality music listening to the
reference AB-1266 Phi headphone played through a world-class reference headphone system.

120,000€+ headphone system composed of the following equipment:

Abyss AB-1266 Phi Complete Reference Headphone Package [www.AbyssHeadphones.com]
Woo Audio WA33 Elite Edition Reference Tube Headphone Amplifier [www.WooAudio.com]
Lampizator Golden Gate Balanced DAC [www.Lampizator.eu]
Aurender W20 Reference Music Server [www.aurender.com]
Stillpoints ESS Shelf Support System and Ultra 6 Isolation [www.stillpoints.us]
JPS Labs Super Aluminata Reference cabling [www.JPS-Labs.com]
KR Audio High Performance Tubes [www.TheEvolutionOfSound.com]
Visit the Abyss Headphones show page for more information.

Abyss Headphones introduces the new AB-1266 Phi

Crazy resolution from the lowest notes on up…

Model AB-1266 Phi Headphone

Wir haben einige sehr coole News über dem ikonischen Abyss AB-1266 Kopfhörer.
Bei der Entwicklung des weltweit dünnsten Boutique-Kopfhörers Diana® wurden neue Hightech-Magnetiken geschaffen, die es uns erlaubten, den AB-1266-Wandler weiter zu verfeinern.
Wir produzieren jetzt neue Planar-Treiber für das AB-1266, das aktualisierte Modell namens AB-1266 Phi, nach dem Kleinbuchstaben griechischen Symbol φ.
Viel verbesserte Transparenz für die Quelle, verrückte niederfrequente Auswirkungen und Auflösung, furchtsame Vocals, ein klares Fenster zur Quelle. Wenn es jemals einen Kopfhörer gibt, der Sie zurück zum Studio transportieren kann, ist es dieser!
Die besten Attribute der feinsten dynamischen, planaren und elektrostatischen Kopfhörer, alles in einem. Anders ausgedrückt, die Hochleistungs-Audiowiedergabe wird niemals gleich sein.
Für weitere Informationen besuchen Sie Abyss-Headphones.com
Vielen Dank!

pdfSpezifikationen vom AB-1266 PHI [PDF]

abyss_headphones
abyss2
abyss3
Fürs Geld bekommt man
einiges geboten – inklusive
einer wirklich feinen Ledertasche,
einem Kopfhörerstativ
und einem hochwertigen
Cinchkabel von JPS, damit
schon auf dem Weg zum
Kopfhörerverstärker nichts
schiefgehen kann
abyss

Highest End / Around-Ear-Kopfhörer Abyss AB-1266

Dass die da auf der anderen Seite des großen Teiches alles größer, besser, vor allem aber teurer machen müssen, ist uns in Europa hinreichend bekannt. Gerade deshalb ist es ja so reizvoll, mal auf den amerikanischen Markt zu schielen und zu sehen, was es da so gibt.

 

Deutsche, österreichische und japanische Kopfhörerhersteller steuern so langsam auf eine obere Preisgrenze von 2.000 Euro für ihre Spitzenmodelle zu. Das mutet den einen oder anderen Kopfhörer-Fan schon ziemlich heftig an. Um das zu relativieren, haben wir den Abyss AB-1266 in die Redaktion geladen, für den der deutsche Importeur, das HiFi Studio in Falkensee bei Berlin, freundliche 6.000 Euro aufruft. Ja, sie haben richtig gelesen. Dass wir diesen Über-Kopfhörer überhaupt zum Test eingeladen haben, ist einfach der Neugierde geschuldet, mal sehen bzw. hören zu wollen, was denn in Sachen Kopfhörer überhaupt noch geht. Insofern halten Sie uns bitte nicht für verrückt oder abgehoben, sondern freuen sich mit uns auf eine neue Erfahrung.

Hinter Abyss steckt die US-amerikanische Firma JPS Labs mit ihrem Mastermind Joe Subinski. Bereits 1990 brachte die Firma JPS Labs mit den „Golden Flutes“, speziellen Filtern, die die Basswiedergabe von Lautsprechern erweiterten, ihr erstes HiFi-Produkt auf den Markt. Da die Golden Flutes, die für jedes Lautsprechermodell speziell abgestimmt angeboten wurden, in den Signalweg eingeschleift werden mussten, benötigten die Kunden zusätzliche Verbindungskabel, was Joe Subinski auf das Thema Kabel brachte. Audiophile Kabel sind heute das Haupt-Tätigkeitsfeld von JPS Labs.

 

Ausstattung
Für das aufgerufene Geld bekommt man bei Abyss reichlich was geboten. Packt man den Karton aus, fühlt man sich fast wie vom Weihachsmann beschenkt. Im weißen Umkarton befi nden sich ein Kopfhörerständer und ein ein Meter langes Signalkabel aus der Superconductor-V-Serie von JPS,  für das auf dem amerikanischen Markt allein schon 1.000 Dollar aufgerufen werden. Dazu zwei 2,5 Meter lange Anschlusskabel für den  Kopfhörer. Zwei, weil es sich nicht um ein Stereo-Kabel, sondern um zwei einzelne Kabel für den rechten und den linken Kanal handelt. Sie werden natürlich speziell von JPS Labs für Abyss gefertigt. Die Kabel sind an einem Ende mit einem Mini-XLR-Stecker zum Anschluss an den Kopfhörer ausgestattet, auf der anderen Seite sind große XLR-Stecker montiert. Zum Anschluss an übliche Kopfhörerverstärker liegen Adapter auf einen 6,3-mm-Klinkenstecker sowie ein 4-Pol-XLRStecker für Kopfhörerverstärker mit symmetrischem Ausgang bei. In einer Holzkiste befindet sich dann eine sehr edle Ledertasche, in der letztendlich der Kopfhörer steckt. Ok, auf Show haben sich die Amerikaner ja schon immer verstanden. Der Kopfhörer selber arbeitet nach dem magnetostatischen Prinzip und ist als offenes System konstruiert. Er weist eine extrem leichte Membran auf. Die spezielle Konstruktion der Treiber kommt ohne rückseitige Magnetstrukturen aus, so dass hier unerwünschte Schallreflexionen vermieden werden. Das ohrseitige Frontgitter besteht aus Stahl und verfügt über eine spezielle Resonanzkontrolle. Die Konstruktion des Kopfhörers besteht aus schwarz anodisiertem Aluminium und dürfe dank ihres martialisch-kantigen Designs durchaus für Diskussionen sorgen. Elegant geht anders. Doch der Abyss ist ein Statement und deshalb darf er so aussehen.

Aufsetzen
Die Vielfalt der mitgelieferten Kabel sorgt zunächst für Verwirrung. Schnell hat man aber alles richtig zugeordnet und den Abyss standesgemäß verkabelt. Die nächste Hürde stellt die Einstellung der Passform dar. Die mit weichem Lammleder gepolsterten Ohrpolster haften magnetisch auf den Gehäuseschalen. Sie sind asymmetrisch geformt. Je nachdem, wie die Polster auf die Schalen gesetzt werden, lässt sich ihr Sitz der Kopfform anpassen. Die Einstellung der Bügelweite ist nur beschränkt möglich. Da der Abyss aber bewusst locker sitzen und auf dem elastisch aufgehängten Kopfband über dem Kopf schweben soll, ist das nicht weiter tragisch. Ich gebe zu, der Sitz ist gewöhnungsbedürftig. Das Aussehen übrigens auch – die Reaktionen der vorbeikommenden Kollegen reichten von Besorgnis darüber, was für ein Foltergerät ich da auf dem Kopf habe bis hin zu lautem Lachen. Das Lachen verging aber jedem Kollegen sofort, sobald er den Abbyss selbst auf dem Kopf hatte.

 

Klang
Doch vorweg: Sie benötigen einen kräftigen Kopfhörerverstärker. Der Abyss verlangt reichlich Leistung, um Musik in normaler Hörlautstärke wiederzugeben. Nein, die Leistung benötigt er ausdrücklich nicht, um in Fahrt zu kommen. Selbst bei leisen Pegeln macht er klar, dass ihm in Sachen Dynamik und Aufl ösung so schnell keiner etwas vormacht. Es ist vielmehr das menschliche Gehör, das etwas mehr Pegel braucht um einer Musikmaschine wie dem Abyss AB-1266 gerecht zu werden. Die Hörschwelle des Menschen liegt im Bass und in den Höhen höher als im Mittelton, weswegen man beim leisen Hören vornehmlich die Mitteltöne wahrnimmt. Und das ist schade, denn auch die Enden des Audio-Frequenzspektrums gehören beim Abyss mit zum Besten, was man seinen Ohren in Sachen Kopfhörer bieten kann. Der Bass reicht unglaublich tief hinunter und klingt schlank und kontrolliert. Er drängt sich nicht ungebührlich in den Vordergrund, im Gegenteil: Bisweilen erschrickt man förmlich, wenn sich auf einmal ein tiefer Impuls mächtig und autoritär Gehör verschafft. Bis in den Hochton agiert der Abyss kontrolliert, extrem fein aufl ösend und hoch dynamisch. Dabei agiert er, wie es sich für ein echtes High-End-Gerät gehört. Mit großer Souveränität bringt er alles zu Gehör, dennoch steht die Musik als Gesamtes im Vordergrund, nicht einzelne Schallereignisse. Trotz seines extremen Aufl ösungsvermögens seziert er nicht, sondern vermittelt. Das alles mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, die einen komplett für die Musik einnimmt. Der Abyss AB-1266 ist schlicht ein Erlebnis.

Martin Mertens

 

 


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